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Ein Roadtrip auf Norwegens schönsten Strassen – der Aurlandsvegen

Der Aurlandsvegen, von dem ich zu Beginn meines Roadtrips durch Norwegen glaubte, er sei einfach nur eine ‘schöne Straße’ auf der man vielleicht ein wenig Schnee im Sommer findet, entpuppte sich am Ende als die beste und abwechslungsreichste Straße der ganzen Reise.

Der Aurlandsvegen ist eine 46 Kilometer lange Pass-Straße, zwischen Aurland und Laerdal. Sie ist ab Anfang Juni bis etwa Mitte Oktober geöffnet. Der höchste Punkt liegt 1306 Meter über dem Meeresspiegel.

Es war spät. Verdammt spät als ich die Auffahrt zum Aurlandsvegen endlich fand. Mein erster Tag in Norwegen war lang und stressig. Schliesslich bangte ich um meinen Koffer, der den Maschinenwechsel beim knapp 2 minütigen Aufenthalt auf dem Flughafen von Kopenhagen überraschenderweise nicht geschafft hatte. Das warf meinen kompletten Tag durcheinander und statt einer Tour durch Bergen stand Harakiri-Shopping an. Dann holte ich meinen Wagen für den Roadtrip per Taxi direkt im Autohaus ab. Eigentlich direkt aus dem Showroom.

“Wollen Sie den Wagen rausfahren?” Betonung auf SIE. Bzw. SIE????

Ich sah mich kurz um. Checkte die Nobelkarossen, die hier eng aufgereiht waren sowie den ‘Durchfahrtsweg’, lehnte dankend ab und setzte mich auf den Beifahrersitz. Mit diesem Job wollte ich lieber nix zu tun haben.

Anschliessend stand ich samt Auto eine halbe Stunde vor dem Autohaus rum und überlegte, wie es weitergehen sollte. Fuhr schliesslich auf einen benachbarten Parkplatz und stand eine weitere halbe Stunde rum um weiter zu überlegen. Aber die Jungs aus dem Autohaus sollten bloß nicht denken, ich käme mit dem Autochen nicht klar. Nein nein. Ich hatte einfach nur noch keinen Plan B.

Als mein Koffer zwei Stunden später endlich eintraf, konnte ich los düsen. Das Ziel des nicht mehr ganz so jungen Tages: der Aurlandsvegen. Oder anders gesagt: der Schneeweg.

Was mich dort erwarten sollte, wusste ich nicht genau. Ich wusste nur, dass die Straße großartig sein muss. Denn sie ist eine der 18 Landschaftsrouten Norwegens und verbindet Aurland mit Laerdal. Ich gab also so viel Gas wie man in Norwegen eben geben darf. Was ausreichte um gleich an der ersten echt beeindruckenden Sehenswürdigkeit vorbeizubrettern. Ich drehte um.

Von diesem Wasserfall bleibt mir nicht nur der tosende Krach in Erinnerung oder das spritzende Wasser, das einen binnen Sekunden bis auf die Kochen nass macht wenn man dem Ungetüm zu nah kommt. Sondern auch der riesige Souvenirshop samt integriertem Kiosk, in dem sich gerade zwei Betrunkene zwei dicke Fellmützen kauften. Ich deckte mich mit Koffeinhaltigen Getränken ein und fuhr wieder los. Wasserfälle sollte ich noch einige sehen.

Ich nahm mir wenig Zeit auf dieser Strecke für Fotos. Etwas mehr als 3 Stunden Fahrt benötigte ich ab Bergen bis zum Fuße des Aurlandsvegen. Mein Zeitgefühl war schlecht und es war für mich nicht abzuschätzen, wie lange ich brauchen würde um den Schneeweg zu fahren wenn ich permanent anhalten würde. Also rief ich den Besitzer des Campingplatzes an, in dessen blauer Holzhütte ich die Nacht verbringen sollte. Nicht, dass ich am Ende ohne Schlüssel dastünde.

“Ja, das ist kein Problem. Bis 22 Uhr kann ich auf Sie warten!”

Die gute Nachricht war: ich hatte eine feste Uhrzeit, zu der ich am Ziel sein musste.

Die schlechte Nachricht war: ich hatte keinen blassen Schimmer was das hieß.

Prompt verfuhr ich mich. Ich wendete und sah einen jungen Anhalter mit nicht allzu großem Rucksack und einem Schild in den Händen, auf dem “Aurland” stand. Das war doch die Stadt, in die ich auch musste! Oder nicht? Ich war unsicher. Viel wichtiger aber war: unter das Wort “Aurland” hatte er einen lachenden Smiley gemalt. Und Menschen, die lachende Smileys malen und in Norwegen trampen können ja gar nichts böses im Sinn haben. Nach einem kurzen Check hielt ich an, packte ihn ein und schmiss mein komplettes Equipment auf die Rückbank.

Ich erfuhr, dass er Feuerwehrmann ist und aus Paris kommt. Ohlala. Unterwegs war er nur mit dem Nötigsten. Das bedeutete: obwohl er jede Nacht draußen verbringen wollte, hatte er selbst auf ein Zelt verzichtet! OMG. Ich muss so etwas wie ein Kulturschock für ihn gewesen sein. Überladen mit Equipment, allein unterwegs in einem großen Auto, und das nur um am Stück auf den schönsten Straßen Norwegens gen Norden zu fahren. Aber wir verstanden uns trotzdem. Aus Versehen setzte ich ihn wenige Kilometer zu früh ab.

Dann erreichte ich Aurland. Ein kleines Örtchen, das mich irgendwie an texanische Käffer erinnerte, in denen der Wind Strohballen über die Straße bläst. Während ich glaubte, falsch zu sein, sah ich, dass die Straße breiter wurde, erkannte dann das offizielle Symbol für die Landschaftsrouten und fuhr die ansteigende Straße hoch. Wenige Meter weiter konnte ich eine fantastische Sicht über den Fjord genießen! Vom Straßenrand aus – aber auch von der Panorama Aussichtsplattform Stegastein aus, die ein Highlight für sich ist! 30 Meter lang, 4 Meter breit und dabei ragt sie weit über den Felsvorsprung hinaus, ermöglicht so einen atemberaubenden Blick auf Aurland und den Naeroyfjord, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.

Da ich auf meinem Roadtrip glaubte, der Trollstigen oder die Atlantikstraße seien die Höhepunkte der Reise, war ich komplett überrascht vom Schneeweg! Ich hatte keine allzu großen Erwartungen. Aber für mich ist diese Straße ganz klar die beeindruckendste und gleichzeitig spaßbringendste, auf der ich je gefahren bin. Landschaftlich einmalig, scheisse schmal, schön kurvig und einsam!

Steil ging s runter zu meiner linken, steil hoch zur rechten. Auf der Straße nicht mehr Platz als für meinen Wagen. Aneinander vorbeifahren ging auf den ersten Kilometern nicht und es gab nur sehr wenige Haltebuchten. Und tatsächlich hielt ich mehrmals an weil ich glaubte, die Fahrt abbrechen zu müssen. Wer weiß schon, wie krass es erst da oben werden würde! Nun muss man dazu sagen, dass der ML nicht das schmalste aller Fahrzeuge ist und wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig aneinander gewöhnt hatten. Im nach hinein ein bisschen lächerlich.

Ich war mehrfach kurz davor, tatsächlich umzudrehen und die Abkürzung durch den Berg und durch den Tunnel zu nehmen statt drüber zu fahren. Schon aus Zeitgründen. Es war in etwa 20 Uhr 30. Dann aber schmiss ich Metallicas ‘Enter Sandman’ an, drehte auf und fuhr endlich zügig weiter und vor allem durch! Ich sollte es nicht bereuen. Und natürlich, je höher ich kam, desto undramatischer die Straße. Klassischer Denkfehler.

Und daraus wurde die bisher geilste Fahrt meines Lebens! Diese Straße gab alles! Eine fantastische Aussicht, für mich einige Adrenalinkicks, durchdesignte Viewpoints, kurvenreichste Straßen, Schafherden mitten auf der Fahrbahn, krasse mondähnliche Landschaften und Schnee im Hochsommer. Wirklich unglaublich! Und das eben nicht auf nur wenigen Kilometern – sondern auf eine Länge von 46 km! Ich konnte die Fahrt also richtig genießen und freute mich nach jeder Kurve mehr. Hätte mich nur diese verdammte Uhr nicht so getrieben, ich hätte dort ewig viel Zeit verbracht!

Da ich am Abend vor der Mittsommernacht unterwegs war, war es bis spät in die Nacht hell. Und diese abendliche Uhrzeit war perfekt für diese Strecke denn außer mir war kaum noch jemand unterwegs! Kein Gegenverkehr und vielleicht zwei Autos, die in meine Richtung fuhren. Nur eine Autopanne, die sollte man hier oben möglichst vermeiden.

Mehr über meinen Roadtrip durch Norwegen könnt ihr hier lesen:

Das wird mein spektakulärster Roadtrip – eine Reise durch Norwegen

Ein Wettlauf mit der Zeit – Kofferlos in Norwegen

Carspotting vor der berühmtesten Kirche Norwegens

Mit dem Auto durch Norwegen – Ein Roadtrip durch das Land der Traumstraßen

Ein Sonnenuntergang auf Haholmen in Norwegen

Mit dem Auto durch Norwegen – meine Roadtrip Momente abseits der Straßen

Unterwegs auf Norwegens schönsten Straßen – der Trollstigen

Unterwegs auf Norwegens schönsten Straßen – die Atlantikstraße

Meine Reise wurde unterstützt von Visit Norway, Innovation Norway, Fjord Norway und Mercedes Benz.

  • Thomas3. August 2013 - 22:15

    Wow … bekommt man gleich Fernweh .. toller Bericht & tolle Bilder. Danke!ReplyCancel

    • Heike Kaufhold3. August 2013 - 22:22

      @Thomas – Danke für dein Feedback! Ihr seid doch bald bald im Norden unterwegs oder? Ich bin gespannt! :D ReplyCancel

  • family4travel3. August 2013 - 22:16

    Wir haben 2009 eine gute halbe Stunde gegrübelt, ob wir den landschaftlich schönen Aurlandsvegen nehmen, oder die kürzere Strecke über Geilo. Weil wir zwei kleine Kinder im Auto hatten, entschieden wir uns schließlich für das unspektakuläre “untenrum”. Vier Jahre später sitze ich jetzt vorm Rechner und ärgere mich darüber. :) Allein schon der Wasserfall…

    Viele Grüße,
    LenaReplyCancel

    • Heike Kaufhold3. August 2013 - 22:24

      @family4travel – Haha, ja ich weiß genau was ihr meint. :D Allerdings entfalten solche geilen Straßen ihre volle Wirkung wirklich erst wenn alle entspannt sind, finde ich. Wenn jemand im Auto sitzt – egal ob Partner oder die Kurzen – und nölt wegen der vielen Kurven, oder aufgrund des ständigen Anhaltens, dann funktioniert das nicht. Also für mich nicht. Insofern kann ich das sehr gut verstehen. Auch wenn ich die lieben kleinen oft überrede doch noch ‘kurz’ durchzuhalten. ;-) ReplyCancel

  • Schlaubeurmel4. August 2013 - 12:03

    Genau so ist der Schneeweg – einmalig – er ist ein muß für Jeden der Norwegen bereist. Wir waren vor 4 Jahren drauf und nach dem wir nun auch die Trollstiegn und Atlantikstrasse kennen gibt es keine schönere Strasse !!!! Außer evtl. die alte Passstrasse von Stryn vorbei am Sommerskigebiet. Wir freuen uns schon wieder auf neue BerichteReplyCancel

  • Jürgen5. August 2013 - 21:43

    Hallo,
    wirklich ganz tolle Bilder. Da bekommt man direkt Lust auf einen Norwegenurlaub. Das steht bei mir schon lange auf der to-do-Liste, aber ich habe es bisher noch nicht geschafft. Nach diesen Bildern bin ich aber schon fast am Koffer packen.

    Grüße
    JürgenReplyCancel

  • Bingen9. August 2013 - 13:35

    Im wahrsten Sinne des Wortes ein abgefahrener Bericht mit Wahnsinns Bildern . Hier werde ich weiter dran bleiben. DankeReplyCancel

  • Tanja12. August 2013 - 09:27

    Danke für die schönen Fotos und tollen Reiseberichte zu Deiner Norwegen-”Serie”. Das weckt unheimlich viel Fernweh und macht sehr neugierig auf Norwegen.
    Liebe Grüße,
    TanjaReplyCancel

  • Alena14. August 2013 - 15:29

    Vielen Dank für den tollen Bericht und die Fotos! Ich kann mich den anderen hier nur anschließen, die Bilder sind wunderschön und der Bericht weckt Sehnsucht nach Norwegen. Ich selbst reise gerne nach Skandinavien, war schon in Dänemark und Norwegen, dein Bericht hat mich jetzt auch sehr neugierig auf Norwegen gemacht. Da steht dann bald wohl auch eine Reise an ;)!
    Weiter so und liebe Grüße
    AlenaReplyCancel

  • [...] es den Sieben dabei nie: von waghalsigen Sprüngen ins eiskalte Meer in Finnland,  Roadtrips auf Norwegens schönsten Strassen, Entdeckungstouren in einem kleinen Dorf auf Bali, kulinarischen Hochgenüssen in Rhone-Alpes, [...]ReplyCancel

  • [...] und zuviel Instagramm aber anderes wiederum finde ich wunderschön. Ihre Reiseberichte über eine Roadtrip durch Norwegen fand ich wiederum sehr toll. 3. Was mich in den letzten Wochen gefesselt hat, war das Reisetagebuch [...]ReplyCancel

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