Wenn der Alltag zum Spießroutenlauf wird – Belästigungen auf der Straße

„Ziemlich verstörend“ schrieb ein Facebookbekannter und teilte damit ein knapp 2-minütiges YouTube Video auch in meine Timeline. Das Video zeigt eine junge Frau in komplett legeren Klamotten bei einem Spaziergang in den Straßen von New York. Doch dieses Video zeigt auch, was ihr dabei widerfährt: sie wird permanent belästigt! Über 100 Mal. Durch Sprüche, zu viel Nähe völlig Fremder, Distanzlosigkeit, Pfeifen, Unverschämtheiten und teils mehrere hundert Meter andauerndes Schritthalten irgendwelcher Typen! Junge Typen, alte Typen, dicke Typen, dünne Typen. Gutaussehende Typen, fiese Typen.

Gefilmt wurde das Video von Rob Bliss, der 10 Stunden lang vor Shoshana B. Roberts herging und mit einer im Rucksack versteckten Kamera das Material aufzeichnete. Die junge Frau selbst trug in jeder Hand ein Mikro um den Ton einzufangen. Aber seht selbst:

Während ich das Video anschaute, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Was nur löste plötzlich diese Emotionen aus? Was nur kam mir daran so bekannt vor? Warum nur konnte ich so genau nachempfinden, was dieses Mädchen da auf der Straße durchmacht? Habe ich – wie vermutlich zigtausende Mädchen auch – das auch so erlebt? Und meine Antwort ist JA! Nicht in New York. Und ja, das ist ein paar Jahre her. Das macht es aber nicht minder vergessen. Wie unangenehm diese Situationen sind, die so viele abtun als „Es sind doch nur ein paar Sprüche“ oder „Ey, er hat dir ein Kompliment gemacht!“ kann vielleicht nur jemand nachvollziehen, der sie regelmäßig eingesteckt hat. Aber nein, für mich war es mehr als das. Dieses Video hat mir geholfen, mich besser zu verstehen.

Warum ich jahrelang kaum jemandem auf der Straße mehr direkt in die Augen sehen konnte und wollte. Warum ich bei Shoppingtouren fast permanent schnurstracks auf den Boden starrte und den Blicken anderer auswich damit mich bloß niemand ansprach und ich meine Ruhe hatte. Mir Sprüche aufdrängte. Mich belästigte. Schlicht eine Grenze überschritt. Warum ich manche Spaziergänge rückblickend als Spießroutenläufe bezeichne.

Mit einer offenen Art hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht. Eine freundliche, wohlgesonnene Nähe Fremder war lange unbekannt. Auf den Boden gesprühte Sprüche wie „Blick heben“ bezeichnete ich manchmal als Hohn. Hälst du den Blick geradeaus, wirst du angemacht, wenn nicht, auch. Ein Lächeln gibst du schon nicht mehr preis.

Überhaupt scheine ich über lange Zeit Menschen angezogen zu haben, die auf merkwürdige Art das dringende Bedürfnis hatten, mir etwas mitzuteilen. So sorgten einige für mich einschneidende Situationen dafür, dass ich enorme Schwierigkeiten habe, überhaupt Emotionen zu zeigen. Sie wurden schlicht oft falsch interpretiert. Ist der ganze Biergarten voll mit Menschen, beschimpft die alkoholkranke Frau vom Nachbartisch ausgerechnet mich und geht auf mich los. Der strange Typ in der U-Bahn, bei dessen Anblick alle hoffen, dass er sich nicht ausgerechnet neben sie setzt, er hat es natürlich auf mich abgesehen.

Vor vielen Jahren, ich war gerade einmal 19, laufe ich mit drei Freundinnen durch einen Park in Sydney. Wir passieren eine Familie. Nur wenige Sekunden später spüre ich, wie mich eine Frau von hinten zu Boden reißt und mich an meinen Haaren über den Schotterweg schleift.

„Don’t touch my man! Don’t touch my man!“ brüllte sie mich an. Eine Freundin musste eingreifen, damit sie von mir abließ und kassierte dafür einen Faustschlag ins Gesicht. Mein Kopf dröhnte vor Schmerz. Ich fasste meine Haare an um zu sehen, ob sie noch da waren oder alle ausgerissen worden waren. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei kam und uns alle, in zwei getrennten Wagen, mit auf die Wache nahm. Die Nacht endete für uns um 2 Uhr als der Polizist uns zurück in die Stadt fuhr. In der Hand hielt ich eine Kopie meiner zu Papier gebrachten Aussage.

Solche Situationen haben mich tief verunsichert und die, die mich kennen, wissen vielleicht was ich meine. Es gibt sicher viele junge Frauen, denen das auf Dauer ebenfalls zusetzt. Andere wird es geben, die derartige Sprüche als Komplimente betrachten.

Umso interessanter dieses Schild am Bauzaun einer Baustelle, das ich auf meinem Roadtrip im Sommer in den Detroit entdeckte:

„PLEASE! No whistling at construction workers.“

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Ich hatte heute das Bedürfnis, das einmal aufzuschreiben und euch zu sagen: so sehr ich diesen Blog liebe und emotionale Texte. So wenig bin ich im Real Life manchmal in der Lage, Empfindungen auszudrücken. Ich habe es nie gelernt. Irgendwie ist es befreiend, mal transportieren zu können, wie sich das anfühlen muss. Und ich denke, das ist was der Videomacher darstellen wollte. Mehr Infos dazu gibt es in seinem Blog zu lesen.

Ist euch ähnliches passiert? Wie seid ihr damit umgegangen? Oder sind das für euch schlicht Komplimente?

14 Kommentare

  1. oli

    Das kenne ich auch als Mann vom Reisen in Drittweltlaendern insbesondere Nordafrika und Indien. Das sind zwar selten sexuelle Belaestigungen (kommt aber auch vor) sondern eher Versuche an Kohle zu gelangen. Aber es fiehrt auch dazu, dass ich mich in solchen Laendern abschotte. Zum Beispiel mit einem mp3 spieler. Schade

    1. Heike Kaufhold

      Hallo Oli,
      das finde ich ganz interessant. Natürlich, Belästigungen sind nicht immer sexueller Art. Wobei gerade im Ausland es noch schwerer fällt, diese ungewollte Nähe einzuordnen. Und stimmt, Musik auf den Ohren lenkt ab, trägt nur nicht dazu bei, einen entspannten Umgang im Alltag (im Ausland) zu finden. Danke für deine Meinung!

  2. Marcel

    Teilweise fand ich’s empörend, was die junge Frau sich anhören musste. Aber ich dachte tatsächlich ein paar auch «Das ist doch nur ein Kompliment.» Danke, dass Du Deinen Schalter hier öffentlich umgelegt hast – das hat mir ermöglicht, die Situation richtig zu verstehen!

    1. Heike Kaufhold

      Das Ding ist, es mag ja auch nett und freundlich gemeint sein. Aber ich will das nicht. Stellt euch das umgekehrt vor, wie überrascht alle wären und pikiert.

  3. Yvonne

    Ja, das kenne ich auch. „Daheim“ und in westlichen Ländern gibt es gerne auch mal einen dummen Spruch zurück, manchmal ist es aber so, dass es Situationen sind, in denen mich die Belästigung unvorbereitet trifft (zum Beispiel, wenn man sich in einem Raum mit Anzugträgern aufhält und dann einer dieser „klassischen Altherrenwitze kommt) und der Moment, in dem man einen dummen Spruch zurück hätte sagen können, verstreicht und ich mich dann im Nachhinein ärgere, dass ich nicht schlagfertig genug war um „die“ in ihre Schranken zu weisen. Doch ich muss auch sagen, dass ich das Gefühl habe, seltener „daheim“ belästigt zu werden. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich im Alltag auch oft mit gesenktem Blick durch die Straßen laufe und solche Blicke und Sprüche eventuell im generellen Grundrauschen untergehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich bei „uns“ mittlerweile vieles getan hat in dieser Hinsicht und es hoffentlich so ist, dass Belästigungen dieser Art einfach nicht mehr so oft vorkommen.
    Wenn ich in Ländern reise, in denen Frauen einen anderen Stellenwert haben, traue ich mich oft nicht etwas zu sagen. Und doch gibt es einen kleinen, feinen Unterschied, den ich sofort bemerke. Ist es, weil ich Touristin bin und „die“ mich belästigen, weil sie mir etwas verkaufen wollen – dann kommt auch gerne mal ein Spruch zurück. Auf Sansibar hatte ich sogar die Erfahrung gemacht, dass „nett-sein“ sich in dem Falle sogar „gelohnt“ hat. Doch es gibt eben auch andere Situationen, Situationen, in denen klar ist, dass es nicht darum geht, dass ich Touristin bin, sondern schlichtweg darum, dass ich eine Frau bin. Dann hilft nur Augen zu und durch.

  4. inka

    Ohgott ja!
    Und ich bin so scheiße froh, dass diese Zeiten vorbei sind – es leben die 40er! 😉 Es gab Zeiten, besonders in meinen 20ern, da bin ich sofort, nachdem ich die Wohnung in Berlin verlassen hatte, aggressiv geworden. Alleine die Vorstellung, jetzt „da draußen“ langgehen zu müssen, hat mich aggressiv gemacht, denn ich wurde – und ich habe es damals gemessen! – IM SCHNITT ALLE 5 MINUTEN ANGEQUATSCHT!
    Ich merke gerade, ich werde heute noch sauer, wenn ich daran denke. Nichts half: Das von Dir beschriebene zu Boden gucken, nett gucken, grantig gucken, aggressive Ausstrahlung (das war vermutlich eher noch schlechter als das nett gucken), es war immer das Gleiche. Bis das eines Tages recht abrupt aufhörte – ich habe nie herausgefunden warum, alleine das Alter wird es nicht gewesen sein.
    Was mich heute noch so wütend macht: Das waren ja keine harmlosen „hey“-Sprüche. Ins Ohr gesäuselte „Kommst Du mit mir?“ oder „Kommst du f*****!“ waren die üblichen Hausnummern.
    Übrigens: Angespuckt wurde ich auch, mehrfach. Wird an meinen rot gefärbten Haaren gelegen haben – bestimmte Personengruppen mochten das offenbar nicht.

    Ich hoffe nur, dass die jüngere Frauengeneration lernt, damit besser umzugehen als ich.

  5. Synke

    Hatte das Video gerade auch auf FB gesehen und dann Deinen Artikel dazu entdeckt. Ich habe auch eine Weile in NYC gelebt und das ist dort leider Alltag. Gewöhnt habe ich mich daran nie. In Berlin und Deutschland passiert mir sowas nie oder so selten, dass ich mich nicht daran erinnere. Hier sind es eher die Situationen im Job, wie Yvonne schon schreibt das blöde Sprüche kommen oder der Typ aus dem Vertrieb einen vorm Team jedes Mal von oben bis unten mustert. Da habe ich dann aber auch viel Rückhalt von den männlichen Kollegen in meinem Alter erlebt, die solches Verhalten auch mal mit einem Spruch unterbunden haben. Ansonsten haben mir Mitreisende auch schon geasgt, dass ich vieles scheinbar in meiner leichten Art garnicht mitbekomme….sprich wenn wir nur kurz von der Seite angequatscht werden und sie schon Panik bekommen, bemerke ich das nicht. Oft sind das natürlich so Sachen, die ich aus meinem Großstadtalltag kenne und wahrscheinluch instinktiv ignoriere.
    Das erschrendene ist doch eigentlich, dass dieses Verhalten grundsätzlich als normal angesehen wird und es immernoch gesellschaftsfähig zu sein scheint.

  6. Wibke

    Seitdem ich das Video vor ein paar Tagen gesehen habe, beschäftigt es mich. Ich hob schon mal hier und da an, es zu teilen oder etwas dazu zu schreiben. Aber als ich die ersten Kommentare zum Video bei diversen FB-Seiten von Blogs und Medien gelesen habe, habe ich gezögert. Fast ausschließlich Männer kommentierten und zogen hämisch über die Befindlichkeiten von Frauen her. Ihnen zur Seite sprangen rasch ein paar Frauen, die sich ebenfalls darüber mokierten. Wow. Das hat mir erstmal die Sprache verschlagen.

    Denn mir fallen viele Vorfälle ein, die dazu führten, dass ich auch jahrelang mit möglichst finsterem Gesicht und mit festem Schritt in fetten Stiefeln durch die Gegend latschte. Bloß keine schwache Angriffsfläche bieten. Inzwischen mit über 40 geht es besser. Wenn ich mir auch gut überlege, wie ich mich kleide, wenn ich abends allein unterwegs sein werde. Ein Überfall vor der Haustür reicht mir …

    Nur zweimal in der Woche muss ich mit blöden Sprüchen leben: immer wenn ich in voller Montur mit der Bahn zum Reitstall fahre, ernte ich sie: Geraune, anzügliche Sprüche, „witzigen“ Altherrenhumor.
    Es gibt durchaus Situationen und Gefühlslagen, wo eine Annäherung auf offener Straße sehr nett sein kann. Einer Frau im Vorbeigehen zuzupfeifen, sie anzuraunen oder ihr etwas hinterherzurufen, ist nie nett. Es ist immer ein Übergriff. Wenn man dann noch beschimpft wird, weil man nicht freundlich antwortet, wird das Unwohlsein noch größer bis hin zu Angst.

    Das größte Kompliment, das man einer Frau machen kann, ist freundlich und respektvoll zu sein. Dazu gehört auch den Kontext zu beachten und ihr kein Unwohlsein zu bescheren. Gilt im übrigen auch desgleichen für Männer.

    1. Heike Kaufhold

      Hallo Wibke, vielen Dank für deine Meinung zu diesem Thema. Ich bin da ganz bei dir. Ich habe ein paar Stunden nach meinem Post, an dem ich noch nachts lange saß nachdem ich das Video gesehen hatt, aufgehört, die Kommentare unter den ganzen Einbindungen zu lesen. Ich bin weiß Gott niemand, der sich häufig beschwert aber hier war auch ich erschrocken. Noch unangebrachter empfand ich Kommentare, die dem Videomacher fast rassistische Hintergedanken vorwerfen, da hier nur Schwarze zu sehen sind. Das würde diese Grundgedanken schüren. Das fand ich nicht nur weit hergeholt, sondern verschlug mir ein weiteres Mal die Sprache. Extrem bedenklich es für ’normal‘ zu empfinden, wenn dieses Sprücheklopferei zum guten Ton gehört. Es ist auch was völlig anderes wenn man im Cafe angesprochen wird oder dergleichen, aber dieses ‚im Vorbeigehen’…

  7. Sebastian

    „Ziemlich verstörend“? – Ich würde es eher ziemlich erschreckend nennen.

    Seit ein paar Tagen überlege ich mir nun ob oder was ich zu diesem Thema schreiben soll.

    Zunächst habe ich mich in Deinen Bericht (auch als Mann) oftmals selbst erkannt – deshalb hatte ich auch zunächst den Entschluss gefasst hier meine Erfahrungen / Gedanken nieder zu schreiben.

    Als Mann habe ich zum Glück wenig Erfahrungen mit Belästigungen sexueller Art – allerdings hatte auch ich oftmals das Gefühl alle strangen Typen auf unseren Straßen magisch anzuziehen. Der „Spießrutenlauf“ mit dem gesenkten Kopf war mir auch als Mann sehr bekannt, hier allerdings, wie bereits erwähnt, weniger in Angst vor irgendwelchen üblen Anmachen als in Erwartung von irgendwelchen Typen die nur Stress wollen.

    Von dem Video war ich ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt, besser ausgedrückt erschrocken. Irgendwann habe ich mir gedacht dass sie Amis doch verrückte Typen sein müssen – das geht ja garnicht wie die hier abgehen.

    Dann habe ich die Kommentare von den anderen Bloglesern (innen) gelesen, verschiedene FB-Seiten und vor allem die Kommentare aufgenommen – ich bin geschockt! (Sind ja gar nicht die Amis – sondern alle?!?)

    Ist das wirklich so krass? Ist Respektlosigkeit ggü. Frauen (bzw. allen Menschen) so allgegenwärtig? Ich weiß nicht ob es daher kommt dass ich mit zwei Schwestern groß geworden bin, oder daran dass mir anscheinend in der Erziehung „Werte“ vermittelt worden sind – ich kann das Verhalten vieler Menschen nicht nachvollziehen und bin echt ein wenig (es passt wohl doch) verstört.

  8. Ich denke jeder, der länger in einer Großstadt gelebt hat wird eine oder mehrere verstörende Erfahrungen mit Menschen gemacht habe.
    Die Anzahl der „Merkwürdigen Begegnungen“, die in dem Video gezeigt wird ist extrem hoch.
    Deine Erfahrung in Sydney fand ich echt erschreckend. Meine
    negativen Erfahrungen beziehen sich da (zum Glück) nur auf harmlose zusammenstöße mit betrunkene oder sehr wirren Menschen.
    Die „ich schaue auf den Boden Blick Methode“ nutze ich auch regelmäßig.
    z.B. in eingen Fußgängerzonen wo regelmäßig Menschen versuchen einen abzufangen um einen etwas zu verkaufen oder zu einer Spende zu überreden oder einer Relligion beizutreten ect…..

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